Immer weiter: Roger jagt den Grand Slam
Rekorde, Rekorde und kein Ende. Ein Satz, mit dem man in einem Artikel über Roger Federer keinen Fehler machen kann. Nach seinem Triumph bei den Australian Open tauchen aber tatsächlich zwei Ziele am Horizont auf, die der 28-Jährige noch nicht erreicht hat.
Erstmals seit 2007 hat der Baseler nach dem Turnier von Melbourne noch die Chance, den ersten Grand Slam seiner Karriere zu schaffen. Dafür müsste er noch die French Open, Wimbledon und die US Open gewinnen.
Diesen Vierklang innerhalb einer Saison brachte Federer bislang noch nicht zu Wege. In der offenen Ära seit 1968 darf sich bei den Männern nur der Australier Rod Laver mit diesem Titel schmücken. "Es wäre großartig, wenn mir das gelingen würde. Aber es ist nicht mein oberstes Ziel", lässt sich der Maestro im Schweizer Fernsehen nicht unter Druck setzen.
Die Jäger sind geschwächt
Die Zeit aber ist günstig. Federer spielte in Melbourne "das beste Tennis meiner Karriere", dazu sind die Jäger geschwächt. Rafael Nadal plagt sich mit Kniebeschwerden herum, fiel gar auf Platz vier der Weltrangliste zurück. Die neue Nummer zwei, Novak Djokovic, spielt auf gutem Niveau, seine letzte Finalteilnahme bei einem Grand-Slam-Turnier liegt aber auch schon wieder zwei Jahre zurück.
Andy Murray kommt mit seinen 22 Jahren zwar immer besser in Fahrt, der Unterschied zu Federer war aber im Finale der Australian Open nicht zu übersehen. Bleiben noch Juan Martin del Potro und Nikolai Dawidenko, um die Top 6 der Welt zu komplettieren. Der Argentinier schlug Federer im Endspiel der US Open 2009, hat seitdem aber seinen Biss verloren. Dawidenko ist eigenen Angaben zufolge in der Form seines Lebens, bei Grand-Slam-Veranstaltungen aber knickt der Russe regelmäßig ein - für eine Endspielteilnahme hat es daher noch nicht gereicht.
19 Wochen bis zum nächsten Meilenstein
Federer macht sich derweil ans Fein-Tuning seines ohnehin schon nahezu perfekten Spiels. Vor allem der leicht vergebene Matchball gegen Murray im Tiebreak des dritten Satzes beim Stand von 10:9 ist haften geblieben. "Ich ärgere mich über diesen Lapsus", so der 16-fache Rekord-Grand-Slam-Champion. "Im Kopf habe ich es schon kommen sehen. Ich verliere erst den Satz und dann den Match", erläutert der Australian-Open-Sieger im besten Schweizerdeutsch. Es ist dieses Hinterfragen seines Handelns auf dem Platz, trotz der unglaublichen Erfolge, das ihn stark und noch stärker macht.
Ein weiterer Meilenstein soll in 19 Wochen fallen. Dann nämlich wäre der für viele Experten größte Tennisspieler aller Zeiten 287 Wochen lang die Nummer eins der Welt. Die bisherige Bestmarke hält Pete Sampras mit 286. Zweifel, dass Federer diesen Rekord nicht bricht, hat kaum jemand. "Weitermachen, immer weitermachen" - die Worte des deutschen Ex-Nationaltorwarts Oliver Kahn passen auch zu Federer. Schwer vorstellbar, dass der Ehrgeiz des Tennis-Superstars je nachlassen könnte.
"Ich bin ein sehr talentierter Spieler"
Dafür aber hat der Baseler mit seinen nunmehr 62 Einzel-Titeln als Profi die Gelassenheit für sich entdeckt. "Das ist etwas, das ich mit den Jahren gelernt habe: Ich genieße meine Siege bewusster." Zeit dafür hat er nun, der nächste Turnierstart ist erst für Ende Februar bei den Dubai Tennis Championships geplant.
Bleibt nur noch die Frage, wie er das Alles macht, die Siege, die Konstanz, die Konzentration in den entscheidenden Momenten. Dem Schweizer Blatt "Blick" hat er diese Frage, die Fans und Konkurrenz gleichermaßen interessiert, mit einem verblüffend einfachen, ersten Satz beantwortet. "Wissen sie, ich bin ein sehr talentierter Spieler."
Die Insel leidet mit Murray
Die Erwartungen lasteten schwer. "Tut mir leid, dass ich es heute Abend nicht für Euch geschafft habe", sagte Großbritanniens Tennis-Hoffnung Andy Murray nach der Niederlage gegen Roger Federer im Finale der Australian Open.
Eine ganze Nation hatte vor den Fernsehern gebangt - und am Ende umsonst auf den ersten Grand-Slam-Sieg eines Briten seit 74 Jahren gewartet.
Medien machen Murray Hoffnung
Dennoch zeigten die sonst so kritischen britischen Blätter Mitgefühl mit Murray. "Andy Murray sollte nicht zu sehr von sich enttäuscht sein", schrieb die "Times" und verwies auf das Beispiel Ivan Lendl, der erst im fünften Anlauf ein Grand-Slam-Finale gewann. "Lendl war unglaublich geduldig. Mit einer solchen Einstellung wird man Grand-Slam-Champion." Das Boulevardblatt "The Sun" machte Murray und der Nation mit Blick auf die Statistik Mut: "Kein Spieler in der Tennisgeschichte hat erreicht, was Murray schon erreicht hat - im Alter von 22 Jahren."
Auch der ehemalige Profi Greg Rusedski, der seine Karriere 2007 ohne großen Titel beendete, schloss sich dem Urteil an: "Wir sollten nicht zu streng mit ihm sein." In der Boulevardzeitung "Mirror" sagte er: "Er hat das Pech, dass er seine ersten beiden Grand-Slam-Finals gegen den größten Spieler aller Zeiten spielen musste."
Champagner für Federer
Während Murray tieftraurig die Heimreise antrat, feierte Federer bis in den Morgen seinen 16. Grand-Slam-Titel. "Ich bin so glücklich heute. Alles läuft perfekt. Ich bin entspannt und in der Lage, gutes Tennis zu spielen", berichtete der Schweizer am Morgen nach seinem Triumph. In seinem Hotel saß er mit Freunden und Teammitgliedern zusammen. Auf die Frage, was er getrunken hat, antwortete der Champion: "Natürlich Champagner." Wann er zu Bett gegangen sei? "Wann geht die Sonne hier auf? Um sechs oder um sieben?"
Wie immer hatte er zuvor den obligatorischen Interview-Marathon hinter sich gebracht. Bis um 1:30 Uhr Ortszeit hatte der Schweizer Fragen auf englisch, französisch und schweizerdeutsch beantwortet, ehe er endlich ins Hotel durfte. "Wir hatten einen netten DJ, haben gut gegessen und einige Drinks genommen. Es war sehr entspannt", berichtete der Zwillings-Vater.
Eiskalt: Federer serviert Murray ab
Das Schweizer Uhrwerk läuft, auch im Finale der Australian Open. Nach einem dramatischen Tiebreak im dritten Satz hat sich Roger Federer mit einem 6:3, 6:4 und 7:6 (13:11) gegen Andy Murray seinen vierten Titel in Melbourne geholt. Es war bereits der 16. Grand-Slam-Erfolg für den 28-Jährigen.
Nach zwei Stunden und 41 Minuten riss "König Roger" die Arme in den Nachthimmel von Melbourne und ließ sich von den 15.000 begeisterten Zuschauern in der ausverkauften Rod Laver Arena gebührend feiern.
"Der erste Titel als Vater - das ist ein ganz spezieller Tag heute für mich", sagte Federer. Der Angriff der Jugend verpuffte hingegen, weil der 22-jährige Brite dem variantenreichen Spiel des nun viermaligen Australian-Open-Siegers nicht gewachsen war. Der Baseler hatte das Turnier bereits 2004, 2006 und 2007 für sich entschieden.
Federer dominiert nach Belieben
Beide Spieler begannen nervös und kassierten jeweils ein frühes Break. Doch danach zeigte Federer nahezu perfektes Tennis. Immer wieder brachte er durch plötzliche Tempowechsel seinen Kontrahenten aus Schottland in Bedrängnis. Einen weiteren Trumpf, den der Weltranglisten-Erste zog, war sein facettenreiches Aufschlagspiel. "Ich habe im ersten Satz vielleicht das beste Tennis meines Lebens gespielt", freute sich der Schweizer nach dem Match. Dies sah auch der dreifache Australian-Open-Champion und Eurosport-Experte Mats Wilander in seiner Analyse so: "Federer war sensationell und hat insgesamt überragend gespielt". So holte sich der Schweizer im achten Spiel des ersten Satzes das vorentscheidende Break zum 5:3 und gewann nach 43 Minuten Durchgang eins.
Während der "Fed-Express" Tennis vom Feinsten spielte, haderte Murray insbesondere mit seinem ersten Aufschlag. Eine Quote von 55 Prozent war zu wenig, um den Schweizer in Bedrängnis zu bringen. Zudem spielte die Nummer vier der Welt oftmals zu brav. "Er hätte mehr in die Bälle gehen müssen, um die Schläge aggressiver setzen zu können", legte Wilander die Schwächen im Spiel des Schotten offen.
Dramatik im Tie-Break
Auch im zweiten Satz änderte sich das Bild auf dem Centre Court nicht. Federer dominierte und ließ Murray keine Chance. Immer dann, wenn es brenzlig zu werden schien, zog der Schweizer das Tempo an und holte sich Durchgang zwei mit 6:4.
Im dritten Satz wurde es dann noch einmal eng, als Großbritanniens Tennishoffnung dem Rekord-Grandslam-Sieger ein Aufschlagspiel abnehmen konnte. Doch Federer konterte beim Stand von 4:5 und machte schließlich in einem dramatischen Tie-Break (13:11) den Titel perfekt.
Britische Durstrecke hält an
Murray muss derweil weiter auf seinen ersten Grandslam-Titel warten. Nach dem Match war er voll des Lobes für seinen Konkurrenten: "Was du erreicht hast, ist einfach unglaublich. Du warst heute viel besser als ich." Bei seiner Rede kamen ihm die Tränen: "Ich kann zwar weinen wie Roger, aber es ist zu dumm, dass ich nicht so gut spiele." Federer bedankte sich artig und spendete Trost : "Du hast hier ein super Turnier gespielt. Ich bin mir sicher, dass du in deiner Karriere noch Grandslam-Siege feiern wirst."
Die nächste Chance, nach 76 Jahren wieder einen Grandslam-Titel auf die Insel zu holen, hat Murray bei den French Open in Roland Garros. Federer versprach indes den Fans in Melbourne: "Ich komme nächstes Jahr wieder." Dann drehte er noch eine obligatorische Ehrenrunde, ehe der "König" in die Katakomben entschwand.
